Das Kopftuch und die
gesellschaftliche Identität des Menschen
Ein Interview der persischsprachigen Wochenzeitschrift Azadi-e
Zan („Freiheit der Frau“) Nr 48, vom 1.1.2004, mit Hamid Taghvai
Azadi-e Zan: Jacques Chirac sagt, dass er, um die
nationale Einheit der französischen Republik und die laizistischen
Grundlagen ihrer Gesetze zu wahren, für das Verbot von Kopftuch und
anderen religiösen Symbolen in Schulen und Arbeitsstätten eintritt.
Sind Sie einverstanden mit einem solchen Verbot? Warum?
Hamid Taghvai: Ja, ich bin ganz einverstanden. Natürlich
nicht aus den selben Gründen wie Herr Chirac. Ich weiß nicht,
wieweit sich der französische Arbeiter mit Herrn Chirac und
seinesgleichen in Einheit fühlt. Es geht hier nicht um die nationale
Einheit und solcherlei nationalistischen Unsinn, den die Regierungen
gewöhnlich bei jeder Gelegenheit der Bevölkerung aufzutischen
versuchen. Es ist eher der Laizismus, der hier die Sache erhellt.
Aber selbst eine laizistische Gesetzgebung bietet meiner Meinung
nach keine vollständige und umfassende Behandlung der Sache. Meiner
Meinung nach würden die großen französischen Revolutionäre, wenn sie
sich heute zum Kopftuchverbot äußern sollten, sich auf die
Grundlagen der Zivilgesellschaft und die Rechte der Bürger/innen
beziehen. Und aus dem selben Grund bin auch ich für Kopfverbot.
Meine Aussage ist, dass die Bürger/innen rechtlich gleich sind und
dass daher ihre ethnische, religiöse bzw. sekten-, kasten- oder
klassenbezogene Identität nicht zum Maßstab der gesellschaftlichen
Verhältnisse werden sollte, die sie mit einander eingehen. Das
Kopftuch (der Hijab), wie jede Bedeckung bzw. Schminkung oder jedes
andere äußere Symbol, das Religion, Ethnie bzw. generell eine
besondere Identität der Person jenseits der bürgerschaftlichen
Identität zur Schau stellt, widerspricht dem Prinzip der
gesellschaftlichen Identitätsdefinition der Personen und muss
deshalb verboten werden. Mit anderen Worten: ich bin aus dem selben
Grund gegen den Hijab, weshalb ich auch gegen die Erwähnung der
Religion der Personen in ihren Personalausweisen und anderen
Identitätsdokumenten bin.
Azadi-e Zan: Es scheint, Ihre Argumentation geht über die Frage
des Säkularismus, des Laizismus oder der Trennung der Religion von
Bildung und Erziehung hinaus. Würde eine solche Herangehensweise, in
diesem konkreten Fall, der klar durch den Ansturm des politischen
Islam entstanden ist, das Auftreten gegen die Religion nicht
entschärfen? Ist es nicht zu allgemein?
Hamid Taghvai: Es stimmt zwar, dass meine Argumentation über
Säkularismus und Laizismus hinaus geht. Dies bedeutet aber nicht
eine Entschärfung des Angriffs gegen den politischen Islam. Im
Gegenteil. Dies ist eine tiefergehende und grundsätzlichere Kritik
des Eingriffs der Religion nicht nur in Staat, Ausbildung und
Erziehung, sondern in alle gesellschaftlichen Angelegenheiten und
Verhältnisse. Nach meiner Meinung ist der Ausgangspunkt der tiefsten
Kritik der Religion die gesellschaftliche Identität der Menschen.
Sie ist die Grundlage unserer Arbeit nicht nur bei der Kritik der
Religion, sondern auch bei der Kritik des Nationalismus, des
Rassismus und des Ethnizismus. Bei unserem Gespräch hier geht es
zunächst mal um den Hijab. Von der Position des Säkularismus und der
Trennung der Religion von Staat, Ausbildung und Erziehung kann man
bis zum Kopftuch-Verbot für Mädchen unterhalb der gesetzlichen
Volljährigkeit und in staatlichen Behörden und Schulen vorstoßen und
es maximal auch noch auf alle religiösen Symbole und Zeichen
ausdehnen. Aber der Hijab und andere religiöse Zeichen werden dann
immer noch in weiten Bereichen der Gesellschaft erlaubt bleiben: in
allen privaten Institutionen, in Fabriken und Produktionsstätten, in
allen Organisationen und Vereinigungen, die weder Arbeits- noch
Ausbildungsstätten sind etc. Nur gestützt auf Säkularismus hat man
Hijab, religiöse Kleidung und Symbole noch vom größten Bereich der
Gesellschaft nicht entfernt, obwohl diese äußeren Zeichen auch in
all diesen Bereichen gegen die Frauen und gegen die ganze
Gesellschaft schädlich und destruktiv wirken. Wenn z.b. der Hijab in
der Schule oder in einer Behörde dem säkularistischen Prinzip
entgegensteht, die Propagierung einer bestimmten Religion bedeutet,
die Frau in eine untergeordnete Position bringt, unter den Menschen
Zwietracht sät usw., so trifft dies alles für den Rest der
gesellschaftlichen Bereiche auch zu. Der Säkularismus kann nicht in
diese Bereiche vordringen und hat damit eine unvollständige und
eingeschränkte Wirkung. Und selbst das auch nur gegenüber der
Religion. Ethnizismus, Nationalismus, Rassismus und andere
verbreitete antihumanen Identitäten fallen gänzlich aus dem
Wirkungsfeld des Säkularismus heraus. Die Antwort ist, dass man von
der gesellschaftlichen Identität der Menschen ausgehen muss, um in
der Lage zu sein, selbst auf dieser rechtlichen Ebene alles an
Religion, Nationalismus, Ethnizismus und sonstigen antihumanen
Identitäten aus der Gesellschaft hinauszufegen.
Azadi-e Zan: Meinen Sie, dass dieser Blickwinkel Ihrer Kritik an die
Wurzel geht? Warum?
Hamid Taghvai: Marx sagt, für den Menschen ist die Wurzel der
Mensch selbst. Wenn man eine politische und gesellschaftliche Frage
an der Wurzel lösen will, muss man zum Menschen zurückkehren und die
Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Nach meiner Meinung
basiert die gesellschaftliche Identität der Mitglieder der
Gesellschaft direkt und unmittelbar auf ihrer Menschlichkeit.
Prinzipiell ist der Mensch Mensch, weil er ein gesellschaftliches
Wesen ist. Die Menschlichkeit des Menschen ist ohne seine
Gesellschaftlichkeit und ohne die Rolle, die die Gesellschaft für
die Existenz der Menschen, historisch für die Gattung Mensch und im
Leben jeder Einzelperson und jedes Mitglieds der Gesellschaft zu
jedem Zeitpunkt dieser Geschichte hatte und hat, prinzipiell nicht
vorstellbar. Die anderen Identitäten , die im Verlauf der Geschichte
der Klassengesellschaften den Menschen zugeschrieben worden sind –
die religiöse, nationale, ethnische etc. Identität und eben die
Klassenidentität – rühren alle von der Entfremdung der Menschen von
dieser gesellschaftlichen Identität her, von ihrem Unvermögen, die
durch die Existenz der Klassen und die Klassenteilung der
Gesellschaft verursachten ungleichen Umstände, Rechtlosigkeiten und
Nöte zu verstehen. Sie sind eine Art Trost und Verklärung dieser
unmenschlichen Umstände. Religion, Ethnizität und Nationalität sind
letztendlich und im tiefsten Grunde Produkt der Selbstentfremdung
der Menschen in Klassengesellschaften. Daher muss die radikale
Kritik der Religion, der Nationalität und Ethnizität bei dieser
Selbstentfremdung ansetzen und die gesellschaftliche Existenz der
Menschen gegenüber all diesen Einteilungen, die sämtlich auf
irgendeine Weise Erscheinungen der Klassengesellschaften sind, zum
Maßstab nehmen und hervorheben. Nicht nur bei der Kritik des
politischen Islam, sondern auch bei der Kritik der Religion als ein
Glaubens- und Denksystem und als eine Privatsache muss unser
Bezugspunkt die gesellschaftliche Identität der Menschen sein.
Azadi-e Zan: Aber der Ansturm, der im Westen für die Sanktionierung
des Hijab begonnen hat, ist direkte Folge des politischen Islam. Ist
der Säkularismus auch in diesem Fall unzureichend?
Hamid Taghvai: Ja, so ist es. Der Säkularismus bietet selbst
auf juristischer Ebene nur eine oberflächliche und stotternde Kritik
des politischen Islam. Ich frage, woher stammt der politische Islam
selbst? Er ist Produkt des politischen und kulturellen Rückschritts
des Westens angesichts der linken Gefahr und der Gefahr des
Sozialismus. Er ist Produkt der Außenpolitik des westlichen
Kapitalismus gegen die Sowjetunion in den 80ern und für die
Vorherrschaft in der monopolaren Welt nach dem Kalten Krieg in den
90ern. Er ist konkret Produkt der Eindämmung der 79er iranischen
Revolution und der Eindämmung des Einflusses der Sowjetunion in
Afghanistan durch den Westen, und auf kultureller Ebene Produkt der
dekadenten Thesen des kulturellen Relativismus, Postmodernismus und
der Rückkehr zur Religion sogar in den westlichen Gesellschaften
selbst; Produkt des Auftretens der Weltreaktion gegen den
Sozialismus und dessen menschliche Essenz, ja des Rückzugs der
Bourgeoisie von den radikalen und progressiven Ideen der Großen
Französischen Revolution. Ich denke, niemand kann sich vorstellen,
dass es ohne die Islamische Republik, die Taliban, den
Kulturrelativismus und den Postmodernismus heute in den entlegensten
Dörfern Europas das Problem Kopftuch existieren würde. Es ist
richtig, dass man dem politischen Islam den Krieg erklären muss.
Aber dieser Krieg ist in seiner Essenz ein Kampf zwischen
Sozialismus und Kapitalismus am Anfang des 21. Jahrhunderts. Dies
ist ein wichtiges Kampffeld für uns Sozialisten. Genau so wie wir
nach dem 11. September dem islamischen Terrorismus und dem
Staatsterrorismus des Westens entgegengetreten sind und damit das
Banner der zivilisierten Welt gehisst haben, müssen wir heute gegen
den Hijab auftreten und damit als Vertreter der dritten Front, der
Front der zivilisierten Bevölkerung der Welt, sprechen. Unsere
Antwort ist in letzter Instanz der Sozialismus. Aber wir haben, wie
auf allen anderen Gebieten, auch hierfür inmitten der vorhandenen
Gesellschaften unsere eigenen bestimmten Antworten. Säkularismus und
Laizismus sind zwar Teil dieser Antwort, lösen das Problem aber, wie
gesagt, nicht einmal auf juristischer Ebene. Nach meiner Meinung
wird in der Kopftuchfrage die zivilisierte Welt dadurch vertreten,
dass die gesellschaftliche Identität der Menschen zum Prinzip
gemacht wird. Wir müssen zugleich der dekadenten Bourgeoisie und dem
politischen Islam, der ihre Kreatur ist, die gesellschaftliche
Identität der Bürger entgegenstellen. Dies ist die juristische und
praktische Antwort in eben diesen vorhandenen Gesellschaften, nicht
nur gegen den politischen Islam, sondern auch gegen den Ethnizismus,
den Rassismus und den dekadenten Nationalismus, was in der Welt nach
dem kalten Krieg erstarkt ist.
Azadi-e Zan: Wollen Sie sagen, dass in der gegenwärtigen Welt der
Säkularismus zu schwach ist, um seine Errungenschaften selbst gegen
den politischen Ansturm der Religion zu verteidigen? Welche ist Ihre
eigene Fahne der Verteidigung dieser Errungenschaften?
Hamid Taghvai: Der Säkularismus ist an sich eine
fortschrittlich Sache, deren Verwirklichung man für alle
Gesellschaften fordern muss. Aber das Problem ist, dass die
säkularistische Kritik der Religion nicht mehr ausreicht. Lassen Sie
uns diese Frage tiefer analysieren. Schauen Sie, wenn, trotz der
Grossen Französischen Revolution und der Abrechnung der
atheistischen Denker der Aufklärung mit Gott, die Religion heute
immer noch existiert, liegt das daran, dass die Bourgeoisie sie
braucht. Die Religion wird in den heutigen Gesellschaften jeden Tag
wieder reproduziert, wegen des heutigen Bedarfs der Bourgeoisie
danach. Der Existenzgrund von Papst, Vatikan und des politischen
Islam in unserer Zeit ist nicht derselbe wie in der Zeit des
Feudalismus. Die Bourgeoisie brauchte die Sklaverei nicht und sie
hat sie ausgerottet. Sowohl auf der Gedankenebene als auch politisch
und gesellschaftlich. Dasselbe hätte sie auch mit der Religion tun
können. Aber man kann nicht die Existenz der Klassen akzeptieren und
zugleich die Religion beseitigen. Die Bourgeoisie wollte und konnte
nicht über die Trennung der Kirche vom Staat hinausgehen. Genauso
wie sie im Zeitalter der Freiheit nicht über die parlamentarische
Demokratie hinaus gehen kann. Sie sprechen vom politischen Ansturm
der Religion. Aber wie ich schon erwähnte, ist die westliche
Bourgeoisie selbst Wegbereiterin und Existenzursache dieses Ansturms.
Die revolutionären Vorreiter der Bourgeoisie schritten bei der
Kritik der feudalen Gesellschaft bis zur Austreibung von Gott aus
der Sphäre der Philosophie, der Wissenschaft, des Staates, der
Erziehung und Ausbildung voran. Angesichts der sozialistischen
Kritik aber, angesichts der revolutionären Denker der Arbeiterklasse,
sahen sie sich gezwungen, Gott wieder in all diese Sphären
einzuführen. Die heutige Auferstehung und das Stolzieren des
politischen Islam sind letztlich Produkt dieses Rückschritts und
dieser Dekadenz. Es geht nicht nur darum, dass der Säkularismus zu
einer gründlichen Kritik der Religion nicht imstande ist. Es geht
darum, dass die Bourgeoisie sowohl auf der Ebene des Gedankens, der
Ideologie und ihrer politischen Philosophie, als auch in der
praktischen Politik sich vom Säkularismus verabschiedet hat. Die
Kritik der revolutionären Denker der Bourgeoisie an der Religion und
das Ideal einer religionsfreien Gesellschaft ist, wie die Idee von
Freiheit und Gleichheit in der Grossen Revolution, eine Illusion und
ein Widerspruch. Diesen Widerspruch kann man auf zwei Arten lösen.
Der bürgerliche Lösungsweg dieses Widerspruchs ist der, den wir in
der zeitgenössischen Geschichte der Welt beobachten konnten. Die
herrschende Bourgeoisie nahm vom Beginn ihrer Machtübernahme an mehr
und mehr Abstand von ihren revolutionären Illusionen. Sie wurde mehr
„realistisch“ und öffnete der Religion wieder einen Platz in Politik
und Gesellschaft. Dies ist der Lösungsweg der Bourgeoisie für den
Widerspruch, der Religion entgegenzutreten und die
Klassengesellschaft erhalten zu wollen. Demgegenüber will die
sozialistische Arbeiterklasse diese Frage im Sinne der
revolutionären Ideen der Atheisten der Epoche der Aufklärung
beantworten. D.h. die Existenzgrundlage der Religion, die Ausbeutung,
die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufheben und beseitigen.
Dies bedeutet, der Rückkehr der Bourgeoisie von ihren anfänglichen
revolutionären Ideen entgegenzutreten und, noch wichtiger, über
diese Ideen hinaus zu gehen. Den politischen Islam kann man nicht
mehr mit Säkularismus und Laizismus zur Seite schieben. Man muss das
ganze verfaulte kapitalistische System, das des politischen Islams
bedarf, stürzen. Unser Banner gegen die Religion, genau so wie auf
dem Gebiet der Befreiung der Frau und für Freiheit und Gleichheit
der Menschen, ist der Sozialismus. Und wir kämpfen zugleich mit
aller Kraft für jeden Millimeter der Beförderung der heutigen
Gesellschaften hin zu säkularen Gesellschaften und für die
Austreibung der Religion aus allen Winkeln der existierenden
Gesellschaften. Der Säkularismus ist, trotz der Wichtigkeit seiner
Forderungen, nur Ausdruck der Minimalforderungen der Bevölkerung.
Meiner Meinung nach ist es eine wirksame und kraftvolle Waffe, sich
auf beiden Ebenen, nämlich in unserem strategischen Kampf für den
Sozialismus, und bei der Vertreibung der Religion aus den
bestehenden Gesellschaften auf die gesellschaftliche Identität der
Menschen zu stützen. Dies kann sowohl die Basis unserer
Rechtsphilosophie in den bestehenden Gesellschaften sein, als auch
ein Schritt auf dem Weg zu unserem endgültigen Ziel. Der Sozialismus
ist die endgültige und vollständige Rückkehr der Menschen zu ihrer
gesellschaftlichen Identität.
Azadi e Zan: Sie betonen die gesellschaftliche Identität der
Bürger. Was bedeutet das konkret? Und warum ist dies eine
umfassendere Kritik als der Säkularismus? Könnten Sie es genauer
erklären?
Hamid Taghvai: Meine Aussage ist konkret die: Wir sollten auf
rechtlicher Ebene und aus der Sicht der Philosophie des Rechts der
Bürger in den bestehenden Gesellschaften das Prinzip der
gesellschaftlichen Identität der Menschen zugrunde legen. Meiner
Ansicht nach müssen die Menschen in ihren gesellschaftlichen
Beziehungen einander als Bürger, als gleichberechtigte Mitglieder
der Gesellschaft gegenüber treten, und nicht als Personen aus einer
Religion, Sekte, Nationalität, Ethnie, einem Stamm, einer Kaste oder
einer bestimmten sozialen Schicht, allgemein gesagt, von jeder Art
Identität, die ihnen eine von anderen unterschiedliche Stellung gibt.
Dies ist die Basis des Bürgerschafts-Begriffs. In nicht zivilen
Gesellschaften, z. B. in den mittelalterlichen Gesellschaften wurden
die Personen prinzipiell in Adel und Untertanen unterteilt. Und dann
hatten noch Hunderte religiöse und Stammesgruppierungen, Kasten und
verschiedene gesellschaftliche Schichten jeweils ihre besonderen
Rechte und Stellungen in der Gesellschaft. Die Adligen, die
Geistlichen, die Untertanen, die Handwerker und Gewerbetreibenden,
die Krieger. Und innerhalb dieser Gruppierungen hatten die
verschiedenen religiösen und Stammessekten etc. jeweils ihre
besonderen Rechte oder Rechtlosigkeiten. Diese Stellung spiegelte
sich im äußern Erscheinungsbild dieser Personen, in ihrer Kleidung,
ihrem Schmuck, ihren Umgangsformen und ihrer Lebensart. Und dies war
gezwungenermaßen so. Wenn auch nicht per Gesetz – das Gesetz hatte
in diesen vorbürgerlichen Gesellschaften prinzipiell nicht solche
gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung, sondern es war ein
traditioneller religiöser und Kastenzwang. Niemand konnte sich
andere Kleidung, anderen Schmuck, Wohnort, andere Umgangsformen etc.
zulegen außer den durch seine gesellschaftliche Stellung, seine
Klassen-, Stammes- und religiöse Zugehörigkeit bestimmten. Der
Begriff des Bürgers und des Mitglieds der Gesellschaft existierte
gar nicht. Die Ära der Aufklärung und der Großen französischen
Revolution erhob sich zur theoretischen und praktischen Kritik
dieser alten Welt und begründete die Zivilgesellschaften.
Eine der Grundlagen der Zivilgesellschaft ist die rechtliche
Gleichheit der Personen und die Ersetzung der religiösen, Stammes-,
Klassen- und Sektenidentität der Personen in ihren
gesellschaftlichen Beziehungen in der feudalistischen Gesellschaft
durch ihre gesellschaftliche Identität. Heute hat die Bourgeoisie,
wie gesagt, im Grunde um der roten Gefahr entgegen zu treten, sich
von den radikalen Ideen der Ära der Aufklärung abgewendet, und
selbst wieder den Boden für die Aufteilung der Gesellschaften auf
Basis von Religionen, Ethnizismus, Rassismus, dekadentem
Nationalismus und ähnlichen antihumanitären Identitäten bereitet.
Heute müssen wir Sozialisten diese Fahne aufrichten. So wie wir das
auch generell auf dem Gebiet der politischen Freiheiten und der
Frauenrechte etc. gemacht haben. Wenn Sie die gesellschaftliche
Identität der Menschen zum Prinzip erklären, dann wird klar, warum
das Kopftuch nicht nur aus Behörden und Schulen verschwinden muss,
sondern aus jeder Institution, in der die Menschen gesellschaftliche
Beziehungen miteinander eingehen. Wenn Ihre Rechtsphilosophie in der
Betonung der gesellschaftlichen Identität der Menschen besteht, dann
wird es klar, warum das Kopftuch und jegliche religiöse,
sektenbezogene, ethnische Zurschaustellung und Schminkung in den
gesellschaftlichen Beziehungen verboten werden sollten. Nichtzivile
Identitäten, stören die Zivilgesellschaft. Wenn in Schulklassen das
Äußere der Schülern oder Lehrern zeigt, dass sie Serben oder Kroaten
sind, Moslems oder Juden, Bahai oder Schiiten, Hindus oder Moslems,
Tschetschenen oder Russen usw., dann findet in einer solchen Schule
alles statt außer Bildung und Erziehung. Genau so ist es in Fabriken,
Behörden, Krankenhäusern, Sportvereinen und Mannschaften, in Kultur-
und Kunstversammlungen, ja sogar in Kaufhäusern und öffentlichen
Verkehrmitteln etc. Die Personen mit solchen unmenschlichen
Identitäten miteinander in Beziehung zu setzen stört all diese
Institutionen. Möglicherweise sagen Sie, das rechtliche Verbot sei
keine Lösung und man müsste Koexistenz, Geduld und Toleranz
gegenüber Anderen u. ä. in der Gesellschaft fördern. Bei natürlichen
Unterschieden wie Hautfarbe und Rasse ist dies richtig, weil
Personen ihre natürlichen Unterschiede nicht verstecken können und
daher kein anderer Lösungsweg als Betonung von Koexistenz und
Toleranz nicht vorstellbar ist. Aber was die religiösen, nationalen
und rassistischen Gruppierungen betrifft, ist dies nicht nur kein
Lösungsweg, sondern es wird dabei die Problemstellung gar nicht
richtig erkannt. Das Problem ist nämlich wegen der Existenz von
nationalem und religiösem Fanatismus überhaupt entstanden. Wer nicht
fanatisch ist ob seiner Religion oder Nationalität, wird auch nicht
auf die Beibehaltung des entsprechenden Äußeren und der Bekleidung
pochen. Sie können von dem Juden, dem Hindu, dem Serben, dem
Tschetschenen und dem Moslem, der von seiner ethnischen bzw.
religiösen Kleidung und dem Äußerem nicht lassen kann verlangen,
gegenüber anderen Stämmen und Religionen nicht fanatisch zu sein.
Wäre er nicht fanatisch, gäbe es das Problem ja gar nicht. Sie
müssen ihm per Gesetz die Demonstration der Gruppenzugehörigkeit
verbieten, und auf kultureller und ideologischer Ebene, statt das
Ertragen der anderen zu propagieren – was am Ende zum
Kulturrelativismus führt – die Aufklärung über die gesellschaftliche
und menschliche Identität der Personen auf Ihre Agenda setzen. Das
ist nach meiner Meinung der Lösungsweg.
Diese Aussage ist nichts Neues. Die Bourgeoisie hat in der Grossen
Französischen Revolution eben das getan, weil sie wollte, dass es
zwischen den Menschen außer ihrer ökonomischen Stellung, als
Besitzer von Produktionsmitteln und Besitzer von Arbeitskraft, keine
anderen Unterschiede gibt. Und heute sind wir Sozialisten dafür,
weil wir wollen, dass nichts anderes die Mitglieder der Gesellschaft
unterscheidet als ihre Klassenidentität. Dadurch wird nicht nur in
den bestehenden Gesellschaften ein besseres und menschlicheres Leben
ermöglicht, sondern dies erlaubt uns, klar und durchsichtig die
Aufteilung der Gesellschaft in Klassen ins Visier unsrer Kritik und
unserer Angriffe zu nehmen und den Weg zur Beseitigung dieses
letzten Hindernisses und zum Sozialismus zu ebnen.
Azadi-e Zan: Lassen Sie uns zum Kopftuch zurückkehren. Sie
erwähnten die Ideen der Revolutionäre der Grossen Französischen
Revolution. Es könnte gesagt werden, eine dieser Ideen ist die
Freiheit der Kleidung, und dass Sie, mit dem Verbot des Kopftuchs,
mit welcher Rechtsphilosophie auch immer, diese Freiheit unterbinden.
Was ist Ihre Antwort?
Hamid Taghvai: Diese Frage kann man auf zwei Ebenen
beantworten. Erstens, das Kopftuch ist nicht nur eine Art Kleidung,
wie z.b. ein Kostüm. Wenn das der Fall wäre, wäre unter dem
islamischen Regime das Nichttragens der Kopftuchs für niemanden eine
Straftat und würde nicht mit Auspeitschung und mit Säure ins Gesicht
geahndet werden. Das Kopftuch ist ein religiöser Zwang, sogar wenn
die Frau es selbst gewählt haben sollte. Der Hijab ist nicht eine
Art Kleidung, die sich etwa nur in Farbe, Schnitt und Stoff von
anderen Kleidern unterscheidet. Der Hijab ist Verpackung der Frau
als eine sexuelle Ware. Das Eigentum des Ehemanns, des Bruders oder
des Vaters muss vor „fremden Augen“ geschützt werden. Die
Zugehörigkeit der Frau zum Mann als Eigentum, ihre Unterordnung und
ihre Sklavenstellung sind im Hijab inbegriffen. Bei der Kritik des
Hijab bezeichnet man es als Symbol der Unterordnung der Frau. Dies
ist nicht ausreichend. Das Symbol einer Sache, so reaktionär die
Sache selbst auch sein mag, kann an sich auch harmlos sein. Wie etwa
die Fahne, die Symbol des Nationalismus ist. Oder der Davidstern,
Symbol des Zionismus. Aber das Kopftuch ist nicht nur Symbol, es ist
selbst Agent der Unterordnung und Sklavenstellung der Frau. Wie der
Holzschuh chinesischer Frauen, der ihre Beweglichkeit behinderte,
ist auch das Kopftuch selbst Agent der Festigung der Unterordnung
der Frau. Wenn man die Ketten der Sklaven als ihren Schmuck ansehen
könnte, dann könnte man auch den Hijab als eine Art Kleidung der
Frauen bezeichnen. Auf einer tieferen Ebene aber, und wenn Sie den
gesellschaftlichen Hintergrund und die Philosophie der Freiheit der
Kleidung betrachten, sehen Sie, dass jener Kampf zwischen der
Zivilgesellschaft und den mittelalterlichen Gesellschaften auch hier
stattfindet. Die Freiheit der Kleidung wurde im Prinzip gefordert,
um die Zivilkleidung in der Gesellschaft zu verbreiten, also
Standardkleidung für alle Bürger im Gegensatz zu den religiösen,
ethnischen, kasten- und klassenbezogenen Zwangskleidungen in den
feudalen Gesellschaften. Freiheit der Kleidung bedeutet, die
Kleidung darf nicht einem religiösen bzw. Sekten-Zwang unterliegen.
Aus der Kleidung einer Person darf nicht ersichtlich sein, ob diese
dem Adel angehört, den Kriegern, den Geistlichen, den Untertanen
oder den Handwerkern oder welche Religion und Gesinnung sie hat und
welcher Sekte sie angehört. Auch hier wollte die revolutionäre
Bourgeoisie vor dreihundert Jahren, dass außer dem ökonomischen
Unterschied, außer Armut und Reichtum, nichts anderes den
Unterschied in der Kleidung und im Äußeren der Personen verursachen
soll. Die Freiheit der Kleidung ist die Rückseite der Verbreitung
von Zivilkleidung, der Standardkleidung für alle Bürger. Unter dem
Vorwand der Freiheit der Kleidung nun wieder den Schleier in die
Gesellschaft einführen zu wollen, ist eine bittere Ironie, die nur
in unserer in den Abgrund geglittenen Zeit, und aufgrund der
reaktionären Thesen des Kulturrelativismus und Postmodernismus und
der Negierung der universalen Identität der Menschen möglich
geworden ist. Und schließlich möchte ich in Zusammenhang mit der
Freiheit der Kleidung betonen, dass dieses Recht, wie alle Rechte
auch, nicht bedeutet, dass alle Bürger jeder Zeit und an jedem Ort
es in Anspruch nehmen können. Viele Institutionen, Behörden und
Arbeitsstätten haben einen Kleiderkodex. Genau so wie die
Redefreiheit nicht bedeutet, dass Sie während Ihrer Arbeitszeit, im
Büro oder in der Fabrik auf einen Hocker steigen und eine Rede
halten können, bedeutet auch die Kleidungsfreiheit nicht das Tragen
von jeder Art Kleidung in jeder Situation. Auch der Hijab, selbst
wenn wir ihn als eine Art Kleidung akzeptieren, ist nur in
Situationen frei, in denen die Frauen nicht in eine
gesellschaftliche Beziehung mit anderen treten. D. h. also in ihren
Wohnungen und auf den Strassen. An Stätten der Arbeit und Ausbildung,
bei kulturellen und sportlichen Zusammenkünften etc. muss der Hijab
verboten werden. Und dies steht nicht nur in keinem Widerspruch zum
Grundsatz der Kleidungsfreiheit, sondern ist, im Gegenteil, dessen
Fortsetzung und Konsequenz.
Übersetzt aus dem Persischen von: R. Nouri
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